Als ein Fleck auf Fensterglas

2 Mrz

Sie ging aus der Tür hinaus und lief ein paar Schritte. Der Himmel hing ihr tief im Nacken und streichelte die engen Furchen in ihrer Haut. Lange war nichts mehr so zärtlich und klar wie der Wind. Er trug sie nicht, stoppte sie auch nicht. Sie wurde nicht zu seinem Gegenstand, genauso wenig wurde sie sein Objekt der Begierde. Sie blieb irgendwo dazwischen und wischte sich deshalb keine Tränen aus dem Gesicht.

Jetzt war es soweit. Sie lief abermals ein paar Schritte und hörte nicht auf die verzweifelten Stimmen, welche aus dem Inneren der Häuser zu kommen schienen. Alle diese säumten die Straße wie ein altmodischer Vorhang. Würde man ihn zuziehen würde sie verschwinden, als ein Fleck auf Fensterglas. 

Unabwischbar. Unabwendbar bis zu ihrem Tod. 

Wenn sich das Licht in einem Meer aus orange krümmte, wäre dies wie eine Magenverstimmung in den Tiefen einsamer Gedanken. Aus dieser Verstimmung würde ein Geschwür. Inoperabel. 

Ein paar Schritte noch und sie war da. Genau dort stand sie vor vielen Jahren schon einmal und pflanzte einen Wald. Er sollte ihr irgendwann mal dazu dienen sich selbst auf die Probe zu stellen. 
Er sollte dazu dienen zu vergessen und zu verschwinden. 

Und danach fängt dann das Leben wieder an. 

 

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Das ist es doch was zählt, oder?

4 Feb

Oftmals sitze ich hier und denke nach. Ich bin allein und das unangenehme Gefühl eine Entscheidung treffen zu müssen nimmt neben mir auf dem Sofa platz. Seit ich denken kann sitzt es neben mir. In der U-Bahn, im Supermarkt, im Bett, in der Dusche, auch wenn ich in einer Kneipe sitze und etwas trinke. Es sitzt da und macht es sich gemütlich. Was soll ich anfangen damit, wohin damit, wohin in mir damit. Ich weiß es nicht. Es quält mich. Ich habe Angst oder besser ich bin nervös. Frage mich wohin ich gehöre. Auf dieser Welt passiert soviel und es hört nicht auf. In jeder Sekunde kann ich mir sicher sein, dass Millionen von Dingen geschehen. An keinen dieser Dinge nehme ich teil, obwohl ich teilnehme. Es hinterlässt nicht das Gefühl von dabei gewesen zu sein. Das ist es doch was zählt, oder? Überall dabei gewesen zu sein, zu allem etwas gesagt zu haben…

Es fühlt sich sinnlos an, so als würde jeder noch so schwerwiegende Gedanke in einer Leere ersticken. Ist das eine Krankheit? Bin ich krank oder daneben? Da sind so viele Fragen und manchmal denke ich, dass es mich nicht wundern würde, wenn ich eines Morgens aufwache und mir als Spiegelbild ein Fragezeichen entgegen winkt. Prost Fragezeichen, find mir das Ausrufezeichen und dann irgendwann vielleicht den Punkt. Der Punkt könnte ein Haus auf einer endlos weiten Wiese sein. Oder eine Düne am Meer. Ich würde mich schlafen legen und nichts träumen. Niemand würde es schaffen mich zu wecken, niemand würde mich wecken wollen, denn jeder würde sehen können, dass ich schlafe, so richtig schlafe. Ein heiliger Schlaf, den man nicht stören wollen würde aus Angst ich würde dann zerbrechen und in tausend kleine Sandkörner oder in ein Grashalm verwandelt werden. Zusammengerollt wie ein Murmeltier mit kurzem Atem.

Blautanne

25 Okt

Der Boden hier ist blau, ein bisschen dunkel- und ein bisschen hellblau. Es sieht aus als würden sich unter meinen Füßen Nebelschwaden auftun. Dafür ist der Himmel hier meistens weiß. Er ist leer und hinter verschlossenen Fenstern eingesperrt. Ich ziehe niemals die Vorhänge zu, aus Angst er könnte sich ausgeschlossen fühlen.  Manchmal stehe ich lange vor meinen Fenstern und schaue der Blautanne beim leben zu. Sie ist ein Waisenhaus für Raben, Amseln und Rotkehlchen. Ich stelle mir vor wie es wäre dort auf einem der schwerfälligen Äste Platz zu nehmen und mich gegen die weise Rinde zu lehnen. Vielleicht würde ich ein Nickerchen machen und wenig später mit pieksenden Nadeln im Haar aufwachen.

Aber ich stehe hier hinter diesem Fenster und versinke in Nebelschwaden. Sie ziehen sich um meine Zehen und zieren mein Bein wie ein glitzerndes Fußkettchen. Von hier ist der Weg zu der Tür des Zimmers sechs kleine Schritte lang. Sechs Schritte die keine Spuren hinterlassen, nichts bedeuten. Da ist auch niemand hinter mir, der mir folgen könnte, außer vielleicht die schöne Blautanne. Es würde wundervoll aussehen wie sie mit ihren großen und kräftigen Wurzeln durch das Zimmer stolzieren könnte und der Nebel wie ein heruntergelassenes Kleid auf dem Boden prangt.

Als ich an der Tür angelangt bin hängt dort ein Spiegel. Ich schaue hinein. Ich sehe mich mit einer Krone aus Blautannennadeln in einem Meer aus Nebel stehen. Auf meinem Kopf nistes ein kleiner Vogel und als ich kichern muss zwitschert er mir zurück. Ich denke, dass ich ihm einen Namen geben möchte, doch habe ich noch nie jemandem einen Namen gegeben. Ohnehin kenne ich nicht viele Worte. Gewiss es sind ein paar sehr schöne unter ihnen, doch fällt mir keines für mein Vögelchen ein.

 

 

Indianerin

25 Okt

Vielleicht möchte ich euch nur nah sein, EUCH,

welche ich nicht kenne,

oder ihr mir, DER,

die ihr nicht kennt.

Vielleicht aber ist es nur die Angst,

ich könnte euch fern sein, EUCH,

welche ich so gut kenne,

oder ihr mir, DER,

die ihr so gut kennt.

Wegbegleiter

24 Sep

Was siehst Du? Was fühlst Du? Woher kommst Du gerade und wohin wirst Du gleich gehen? Hast Du vielleicht jemanden verletzt, welcher Dir etwas bedeutet oder wurdest Du verletzt? Suchst Du etwas oder bist vielleicht schon angekommen? Hast Du Angst und traust Dich trotzdem? Hast Du Angst und versteckst Dich? Hast Du auf eine dieser Fragen eine Antwort oder möchtest Du lieber keine haben? Ganz gleich was Dich antreibt oder aufhält, wichtig ist das Du genau in dieser Sekunde da bist und das Du gute Gründe hast zu sein wie Du bist. Ich kenne Dich nicht und Du kennst mich nicht, dennoch achte ich Dich als meinesgleichen und schenke Dir dies als kleinen Wegbegleiter.